„Mörder unterm Edelweiß“

Zur Information über die Kriegsverbrechen der Bad Reichenhaller Gebirgsjäger auf Kreta dokumentieren wir hier den Artikel „Die 5. Gebirgsdivision auf Kreta 1941“. Wir danken dem Autor für die Genehmigung den Artikel hier zu veröffentlichen.

Die 5. Gebirgsdivision auf Kreta 1941

Das erste Massaker an der Zivilbevölkerung im Verlauf des Zweiten Weltkrieges ist den Gebirgsjägern auf Kreta nachzuweisen. Am 20. Mai 1941 begann die Invasion der Insel Kreta. Die eingesetzten Fallschirmtruppen und Gebirgsjäger brauchten 10 Tage, bis sie die Insel besetzen konnten. Für die deutsche Militärleitung war die Landung ein blutiges Fiasko: Von den eingesetzten Fallschirm- und Gebirgsjägern starben 4.463.1 Überrascht waren die Deutschen, dass sich von Anfang an kretische ZivilistInnen am Kampf gegen die Invasoren beteiligten, dass sie mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln die Wehrmachtssoldaten bekämpften und zum Teil brutal massakrierten.2 Als Reaktion auf diese Vorfälle begannen die eingesetzten Soldaten eigenmächtig und ohne Befehl von oben kretische Zivilisten zu erschießen.3 Nach griechischen Angaben wurden im direkten Anschluss an die Kämpfe in Kreta 2.000 GriechInnen getötet.4

Am 23. Mai 1941 befahl der Kommandeur der 5. Gebirgsdivision, General Julius Ringel, Vergeltungsmaßnahmen: „Ein Meuchelmord an einem Soldaten der Luftwaffe am 22.5.1941 hat ergeben, dass die griechische Bevölkerung in Zivil, Uniform, auch in deutscher, an den Kämpfen teilnimmt und Verwundete niederschiesst, niedersticht, und Ringe abschneidet, Gefallene schändet und ausplündert. Wo eine griechische Zivilperson mit der Schusswaffe in der Hand angetroffen wird, ist sie sofort zu erschiessen. Desgleichen ist bei Angriffen auf Verwundete zu verfahren. In Ortschaften sind Geiseln festzunehmen (Männer von 18 – 55 Jahren) und ihnen und der Einwohnerschaft bekanntzugeben, dass im Falle feindl. Handlungen jeder Art gegen die deutsche Wehrmacht sofortige Erschiessung erfolgt. Für jeden Deutschen 10 Griechen, dazu werden die in der Nähe befindlichen Ortschaften angezündet.”5

Die „Vergeltung“ der Gebirgsjäger und Fallschirmjäger war in dieser Kriegsphase von einer Schärfe, die bisher ausschließlich gegen die slawische Bevölkerung angewandt worden war. Sie lag zeitlich vor den Massenliquidationen der Wehrmacht und der SS in der Sowjetunion und in Serbien. Auf Kreta wurde das „Axiom von der Kollektivhaftung der Bevölkerung“ zum ersten Mal angewandt.6

Sechs Tage nach Ringels Anordnung erließ General Student seinen berüchtigten und viel zitierten verbrecherischen Befehl: „Die Truppe hat sich, soweit ihr dies während der Kampfhandlungen möglich war, aus der Notwehr heraus bereits selbst geholfen. Jetzt ist die Zeit gekommen, allen derartigen Fällen planmässig nachzugehen, Vergeltung zu üben und Strafgerichte abzuhalten, die auch als Abschreckungsmittel für die Zukunft dienen sollen. Hierbei lege ich besonderen Wert darauf, dass die Sühnung selbst – nach Möglichkeit – durch diejenige Truppe erfolgt, die unter den bestialischen Greueltaten gelitten hat. (…) Als Vergeltungsmassnahmen kommen in Frage: 1./ Erschiessungen, 2./ Kontributionen, 3./ Niederbrennen von Ortschaften (vorher Sicherstellung aller Barmittel, die restlos den Angehörigen zugute kommen sollen), 4./ Ausrottung der männlichen Bevölkerung ganzer Gebiete. (…) Es kommt nun darauf an, alle Massnahmen mit grösster Beschleunigung durchzuführen, unter Beiseitelegung aller Formalien u. unter bewusster Ausschaltung von besonderen Gerichten. Bei der ganzen Sachlage ist dies Sache der Truppe und nicht von ordentlichen Gerichten. Sie kommen für Bestien und Mörder nicht in Frage.“7

Das bekannteste Beispiel für diese Vergeltungsaktionen, die insgesamt 2.000 Kreter das Leben kosteten, ist Kandanos. Ausgangspunkt für die Zerstörung der Ortschaft am 25./26. Mai 1941 war ein Hinterhalt, in den Bürger des Ortes eine Gruppe deutscher Fallschirm- und Gebirgsjäger locken und töten konnten. Zur Vergeltung wurden acht Einwohner aus Kandanos von deutschen Soldaten erschossen und sämtliche Häuser zerstört. Die BewohnerInnen durften auf Jahre hinaus nicht mehr nach Kandanos zurückkehren. Welche Einheit Kandanos zerstörte, ist nicht sicher fest zustellen.

Hingegen sind die Zerstörung der Ortschaft Skines und die Erschießung von 148 kretischen ZivilistInnen am 1. August 1941 den Gebirgsjägern der 5. Division durch den eigenen „Tätigkeitsbericht“ nachzuweisen: „Auf Befehl des Kdt. d. Fest. Kreta wird im Westteil der Insel eine Sonderaktion gegen Freischärler durchgeführt. Sie erfasst die Orte Alikianu-Skines-Furnes-Prasses-Meskla. (…) Der Leiter des Unternehmens ist Major Friedmann, Kdr. II/G.J.R. [Gebirgsjäger Regiment] 100. Wegen Freischärlerei, Fledderei oder unerlaubten Waffenbesitzes wurden vom Standgericht abgeurteilt und erschossen: 146 männliche und 2 weibliche Personen. Bei Einschliessung der Ortschaft Skines wird gegen die Truppe gefeuert. Als Vergeltungsmassnahme wird Skines niedergebrannt.”8 Wie in Kandanos wurden in Skines die Häuser zerstört und die Menschen mussten ihre Häuser und Felder bis zum Ende der Besatzung verlassen. Nach dem Krieg bauten die nach Skines zurück gekehrten Einwohner an der Kreuzung nach Alikianos ein Denkmal für die „von den Deutschen erschossenen Widerstandskämpfer aus den umliegenden Gemeinden.“9

1 Vgl. Xylander, Marlen von: Die deutsche Besatzungsherrschaft auf Kreta 1941-1945, Freiburg 1989, 25. Im gesamten Balkanfeldzug starben 1.100 deutsche Soldaten.

2 Vgl. Meyer, Hermann Frank: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland, Mannheim, Möhnesee 2002, 28-29; Xylander, Marlen von: Die deutsche Besatzungsherrschaft, 28-31; Vgl. auch die Arbeit des Revisionisten Zayas: .Zayas, Alfred M. de: Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle. Deutsche Ermittlungen über alliierte Völkerrechtsverletzungen im Zweiten Weltkrieg, München 1980, 262-272.

3 Vgl. Xylander, Marlen von: Die deutsche Besatzungsherrschaft, 32.

4 Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg (im Folgenden BA-MA) RH RW 2/v. 135. Nach griechischen Angaben wurden im direkten Anschluss an die Kämpfe in Kreta 2.000 Griechen getötet.

5 BA-MA, RH 28-5/3 b Blatt 69: 4. Gebirgsdivision 1 a, Div. Gef. Stand 3 km südl. Westecke Flugplatz, Mallion, den 23.5.1941.

6 Fleischer, Hagen: Schuld ohne Sühne: Kriegsverbrechen in Griechenland, in: Wette, Wolfram/Überschär, Gerd (Hg.): Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert, Darmstadt 2001, 208.

7 BA-MA,RH 28-5/3 b, Bl. 412, Befehl vom 31.5.1941, Generalkommando XI Fliegerkorps, Der Kommandierende General Student, Gef. Stand, den 31.5.1941.

8 BA-MA, RH 28-1/ 6, Tätigkeitsbericht der 5.Geb.Div. vom 1.8.194 – 15.3.1942, Blatt 105 ff. Seite 2 des Berichtes (ohne Paginierung).

9 Vgl. Inschrift des Denkmals, insgesamt 141 Opfer werden genannt: Gemeinde Fournes 45, Skines 32, (Nördliche Ortschaften:) Alikianos 13, Koufos 5, Vatolakkos 17, (Westlich Ortschaften:) Nea Roumata 5, Prases 12, (Südliche Ortschaften: ) Orthouni 9, Karanos 2, Meskla 1; vgl. Fohrer, Eberhard Kreta, Erlangen 2001, 552; vgl. Komitee der Verlegung des „Schwarzbuches der Besatzung“ (Hg.): Schwarzbuch der Besatzung, Athen, [1999], 42: 1.8.1941 Holocaust von Alikiano. 118 Personen; vgl. Schramm, Ehrengard: Ein Hilfswerk für Griechenland, Göttingen 2003, 105, Xylander, Maren von: Die deutsche Besatzungsherrschaft, 24; vgl. Beevor, Antony: Crete – The Battle and the Resistance, London 1991, 237.