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Die »Kampagne zur Entnazifizierung und Entmilitarisierung Bad Reichenhalls« wird maßgeblich vom Bündnis rabatz zusammen mit zahlreichen Unterstützer*innen getragen. Vielfältige Provokationen und mehrere Demonstrationen sollen dem Kurort bei seinem noch in den Kinderschuhen steckenden Demokratisierungsprozess unterstützen. Oder, um es mit Adorno zu sagen:

Jeder Hochmut gegenüber der Landbevölkerung ist mir fern. Ich weiss, dass kein Mensch etwas dafür kann, ob er ein Städter ist oder im Dorf groß wird. Ich registriere dabei nur, dass wahrscheinlich die Entbarbarisierung auf dem platten Land noch weniger als sonst wo gelungen ist. Auch das Fernsehen und die anderen Massenmedien haben wohl an dem Zustand des mit der Kultur nicht ganz Mitgekommenseins nicht allzu viel geändert. Mir scheint es richtiger, das auszusprechen und dem entgegenzuwirken, als sentimental irgendwelche besonderen Qualitäten des Landlebens, die verloren zu gehen drohen, anzupreisen. Ich gehe so weit, die Entbarbarisierung des Landes für eines der wichtigsten Erziehungsziele zu halten.
Theodor W. Adorno. In: Erziehung nach Auschwitz

Anfang 2010 klärten wir, das antifaschistische rabatz-bündnis, die Reichenhaller “Zivilgesellschaft” erstmals über das jährliche SS-Gedenken in Bad Reichenhall auf und forderten, aktiv dagegen vorzugehen. Leider wurde unser Aufruf ignoriert und wir kündigten für 2011 aktive Proteste an.
Weitere Recherchen ließen die SS-Gedenkfeier aber „nur“ als Spitze des rechten Eisberges erscheinen: „Von Mittenwald nach Bad Reichenhall“ lautete die Überschrift unseres ersten Aufrufs, unter dem wir im Mai 2011 das erste Mal in das Berchtesgadener Land mobilisierten. Zentrale Inspiration für uns war die Kampagne „Angreifbare Traditionspflege“. Zwischen 2002 und 2009 war in deren Rahmen das Pfingsttreffen der Gebirgstruppe – dem bis dahin größten regelmäßigen Wehrmachtstreffen – am Hohen Brendten bei Mittenwald auf vielfältige Weise skandalisiert worden (2016 findet die Brendtenfeier am Fr. 13.05. statt – achtet auf evtl. Ankündigungen).
Das Reichenhaller Pendant dazu ist ein „Kreta-Gedenken“ anlässlich des Jahrestags des Aufbruchs zur Okkupation der griechischen Mittelmeerinsel. Durchgeführt wird dieses vom lokalen Ableger des Kameradenkreises der Gebirgstruppe mit freundlicher Unterstützung durch die Stadt und die Bundeswehr (dieses Jahr vo­r­aus­sicht­lich am Mi, 18.05.16 um 11:00 Uhr). 2011 gelang es uns erst- und bis dato einmalig diese bürgerlich daherkommende Form der NS-Verherrlichung effektiv zu stören. Der damalige Werbeslogan des Kurorts „Wo die Zeit Urlaub macht“ wurde als für sich sprechendes Demonstrationsmotto entwendet und wird seither von offizieller Seite nicht mehr genutzt, um Tourist_innen in die Kleinstadt zu locken.

Überregionale Aufmerksamkeit wurde Bad Reichenhall allerdings erst in den Wochen nach der Demonstration zu Teil: Es waren Kinder, die am Tag der Offenen Tür der Bundeswehrkaserne mit Zielerfassungssystemen von Panzerfäusten auf ein nachgebautes Dorf mit dem Namen „Klein-Mitrovica“ zielten. Bilder davon wurden als „Klein-Mitrovica-Skandal“ in der internationalen Medienberichterstattung rezipiert. Zu diesem Zeitpunkt war die Kaserne der Reichenhaller Gebirgsjäger noch nach General Rudolf Konrad, dem „antisemitischen Schlächter von der Krim“ und zugleich einem der „Väter“ der Gebirgstruppe, benannt.
Im darauf folgenden Jahr 2012 erhielten wir Rückenwind, insbesondere von der “Initiative gegen falsche Glorie” und dem Historiker Jakob Knab. Diese teilten unsere Forderung nach einer Umbenennung der General-Konrad-Kaserne, die im Herbst des Jahres 2012 tatsächlich erfolgte. Was den Kameradenkreis der Gebirgstruppe aber auch weiterhin nicht davon abhalten sollte, Konrad am Grabe zu ehren. Und verschwunden ist mit der Umbenennung auch das großflächige Landsergemälde am Kaserneneingang nicht. Der Anspruch der Demonstration „Re-Educate Bad Reichenhall“ und dieses zu entnazifizieren ist also bis heute nur teilweise eingelöst.
2013 wandten wir uns deshalb mit einer Plakataktion an die Bevölkerung von Bad Reichenhall. Darauf abgedruckt waren 10 politische Forderungen. Darunter: die Entfernung eines geschichtsrevisionistischen Kirchenbildes zum 23. April 1945, auf dem die Alliierten als Apokalyptische Reiter dargestellt werden sowie die Umbenennung der Kreta-Brücke in Winkler-Reischl Brücke in Erinnerung an den antifaschistischen und antimilitaristischen Widerstand, den es auch in Bad Reichenhall gab – bis die Aktivist_innen fliehen mussten oder von den Nazis ermordet wurden. Einen Aufreger war die Wiedergabe eines 3sat-Zitats wert, das den Kameradenkreis der Gebirgstruppe als „Selbsthilfegruppe für Kriegsverbrecher“ charakterisiert. Unsere Forderungen wurden in der Medienberichterstattung vor Ort zwar durchaus diskutiert – aber auf die Idee, irgendetwas davon umzusetzen, ist so recht niemand gekommen.

So kam es, dass wir am 10. Mai 2014 unser Versprechen einlösen und wieder einen Ausflug in die oberbayerische Kleinstadt unternehmen mussten. Dabei rückte das nazistische Gedenken an die SS-Division Charlemagne in den Fokus unserer Demonstration, weil es zeitgleich abgehalten wurde. Im Klartext: Während am 8. und 9. Mai die Menschen in aller Welt die Kapitulation der Wehrmacht und die Befreiung vom Nationalsozialismus feiern, wird in Bad Reichenhall der SS gehuldigt, wofür es auch Fürsprecher_innen in der Mitte der Gesellschaft gibt:
„Die haben ja nicht für eine abzulehnende Ideologie gekämpft.“ So charakterisierte zum Beispiel Karl Welser, Gründer der Volkshochschule Bad Reichenhall und ehemaliger Stadtrat, die französischen Freiwilligen in der Waffen-SS, die im Mai 1945 im Ortsteil Karlstein von den amerikanischen Befreiern erschossen wurden.
So oder so ähnlich sieht es wohl auch die lokale Nazi-Szene, die das jährliche Gedenken hochhält, seitdem es seinen Status als Treffen von Faschist_innen und Alt-Nazis aus ganz Europa nicht mehr aufrechterhalten konnte.

Als weiteres prägendes Element unserer Demonstration installierten wir 2014 eine Gedenktafel, die die Kriegsverbrechen der Gebirgsjäger und der Wehrmacht auf Kreta thematisierte. Denn in Bad Reichenhall ist diese Art von Auseinandersetzung mit der Rolle der Gebirgsjäger im Zweiten Weltkrieg wie angedeutet unerwünscht: Noch während der laufenden Demonstration wurde die Tafel dann auch wieder entwendet.
Zum 70. Jahrestag der Befreiung um den 8.Mai 2015 bot sich das gleiche Bild wie in den Vorjahren: Nazis beklagten ihre Niederlage und gedachten der SS, die offiziöse Gedenkpolitik erinnerte an der „Kreta-Brücke“ der „gefallenen“ Gebirgsjäger zusammen mit den „Bombenopfern“ der Stadt und verdrängten damit den Überfall der Wehrmacht auf Kreta. Daran zeigt sich, dass es auch heute noch gilt, die gesellschaftlichen Konfliktlinien aufzuzeigen und als Antifaschist_innen Stellung zu beziehen.