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Aufruf 2012 – Wo die Zeit Urlaub macht #2

Wo die Zeit Urlaub macht #2

Für die Entnazifizierung und Entmilitarisierung Bad Reichenhalls

Mit einer antifaschistischen Demonstration haben wir im vergangenen Jahr die untragbaren Zustände in Bad Reichenhall thematisiert. Aber es hat sich wenig verändert. Noch immer ist Bad Reichenhall ein Musterbeispiel für die widerliche, geschichtsrevisionistische, militaristische Gedenkpolitik in der oberbayerischen Provinz. Die örtliche Kaserne ist weiterhin nach dem „Schlächter von der Krim“, dem Nazigeneral Konrad1 benannt und mit der „Kretabrücke“ und der „Kretagedenkfeier“2 wird immer noch der deutsche Angriffskrieg auf Kreta glorifiziert. Kein Wunder also, dass sich Neonazis hier besonders wohl fühlen und fast ungestört agieren können. Wir meinen, es darf keine „homezone“ für Neonazis geben und fordern weiterhin die Entnazifizierung und Entmilitarisierung Bad Reichenhalls. Deshalb organisieren wir für Samstag, den 19. Mai 2012 – kurz vor dem Jahrestag des Angriffs der deutschen Wehrmacht auf Kreta – erneut eine Demonstration in Bad Reichenhall.

Reeducate Bad Reichenhall

„Jeder Hochmut gegenüber der Landbevölkerung ist mir fern. Ich weiss, dass kein Mensch etwas dafür kann, ob er ein Städter ist oder im Dorf groß wird. Ich registriere dabei nur, dass wahrscheinlich die Entbarbarisierung auf dem platten Land noch weniger als sonst wo gelungen ist. Auch das Fernsehen und die anderen Massenmedien haben wohl an dem Zustand des mit der Kultur nicht ganz Mitgekommenseins nicht allzu viel geändert. Mir scheint es richtiger, das auszusprechen und dem entgegenzuwirken, als sentimental irgendwelche besonderen Qualitäten des Landlebens, die verloren zu gehen drohen, anzupreisen. Ich gehe so weit, die Entbarbarisierung des Landes für eines der wichtigsten Erziehungsziele zu halten.“

(Theodor W. Adorno, 1966 , Erziehung nach Auschwitz)

Leider sind im Bezug auf Bad Reichenhall die Worte von Adorno im Jahre 2012 noch genauso aktuell wie 1966, denn eine Bildungsarbeit mit dem Ziel einer „antifaschistisch-demokratischen Umgestaltung” scheint nach der Befreiung in Reichenhall gescheitert zu sein. Zum Jahrestag des Angriffs der deutschen Wehrmacht auf Kreta will der oft als „Selbsthilfegruppe für Kriegsverbrecher“ bezeichnete „Kameradenkreis der Gebirgstruppe e.V.“ wieder seine jährliche „Kreta Gedenkfeier“ am 22.05.12 abhalten. Bei der Gedenkfeier zu Ehren der beim Kampf um Kreta gefallenen „Reichenhaller Gebirgsjäger“ und in Gedenken an den Bombenangriff auf die Stadt Reichenhall, werden wohl wieder die Täter_innen zu Opfern und Held_innen verklärt. Hingegen werden die auf Kreta begangenen Kriegsverbrechen der Wehrmacht (über 3500 Zivilist_innen wurden ermordet und über 30 Dörfer komplett zerstört) im Allgemeinen und die Greueltaten der Reichenhaller Gebirgstruppe im Besonderen (u.a. die Zerstörung der Stadt Skines und die Erschießung von 148 kretischen Zivilist_innen am 1. August 1941) verschwiegen. Viele Menschen im Berchtesgadener Land haben im vergangenen Jahr erstmals durch das Bündnis Rabatz von der Blutspur welche die Reichenhaller Kriegsverbrecher_innen auf Kreta hinterliesen erfahren3. Neben den deutschen Kriegsverbrechen wird in Reichenhall auch antifaschistischer Widerstand totgeschwiegen. Weder die Recherchen des Bündnis Rabatz zu den von den Nazis ermordeten Bad Reichenhaller Antifaschisten Johann Winkler und Gottfried Reischl4 noch das von der Initiative gegen falsche Glorie geforderte Erinnern an den in Reichenhall verstorbenen Carl Muth (Mentor der Geschwister Scholl) fielen bisher auf fruchtbaren Boden. Stattdessen wird weiterhin ein militaristisch-nationalistischer Dünkel hofiert. Auch eine Kritik an der Bad Reichenhaller Skandalkaserne ist vor Ort fast nicht vorhanden, im Gegenteil.

Alte Werte und neue Töne

Als am 28. Mai 2011 – also nur eine Woche nachdem Antifaschist_innen gegen den militaristischen Normalzustand in Bad Reichenhall demonstriert hatten – der „Tag der offenen Tür“ der Bundeswehr-Kaserne stattfand, störte sich niemand daran, dass Kinder unter Aufsicht der Bundeswehr Zielerfassungsgsystemen von Panzerfäusten auf eine kleine Miniaturstadt richten und außerdem mit echten Waffen hantieren durften.

Nachdem das Bündnis Rabatz darüber hinaus die Dekoration des Miniaturstädtchens durch ein Ortschild mit der Aufschrift „Klein-Mitrovica“thematisierte, war der Skandal perfekt.

Der Ort5 erlangte 1999 traurige Berühmtheit, als albanische Nationalist_innen – trotz Anwesenheit von KFOR-Truppen – das gesamte Roma-Viertel plünderten und zerstörten. 2004 gingen von Mitrovica antiserbische Pogrome aus, die sich auf den gesamten Kosovo ausbreiteten und viele Tote forderten. Angesichts der Tatsache, dass die Fassade der Kaserne im Jahr 2012 noch immer ein überdimensionales Bild von Wehrmacht-Landsern ziert und über dem Eingang noch immer ein steinerner Reichsadler – bei dem lediglich das Hakenkreuz durch ein Edelweiß ersetzt wurde – prangt erscheint dieser Zynismus nicht weiter verwunderlich.

Sind in Bad Reichenhall die offenen Bezüge auf Wehrmacht und „alte Werte“ besonders augenfällig, so stellen sie nur die Spitze der teilweise ungebrochenen Traditionspflege der Bundeswehr dar.

Die Sicherung der deutschen Hegemonialansprüche und die Durchsetzung ökonomischer Interessen machen den Kriegszustand allgegenwärtig. ‚Ob völkerrechtlicher Angriff oder innerstaatliches Verbrechen, ob Kombattant oder Krimineller, ob Krieg oder Frieden: Die überkommenen Begriffe verlieren ihre Trennschärfe und damit ihre Relevanz.‘ (Schäuble, Januar 2007).

Im Laufe der Jahrzehnte wandelte sich die Bundeswehr von der – nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eingenommenen – Rolle einer antikommunistischen Verteidigungsarmee hin zu einem „Global Player“, der die deutschen Ansprüche wieder auf der ganzen Welt vertritt. Insbesondere die „Elite“-Einheiten der Gebirgsjäger aus Bad Reichenhall und anderen Standorten werden häufig genau da eingesetzt, wo deutsche Interessen global durchgesetzt werden sollen.

Kein ruhiges Hinterland den Nazis

Vielerorts wo Nazis offen auftreten, artikuliert sich zumindest zivilgesellschaftlicher Unmut. Doch selbst das wäre in Bad Reichenhall zu viel verlangt. Seit Jahrzehnten können hier Alt- und Neonazis, jeweils um den 8. Mai, am „Kugelbach Parkplatz” in Bad Reichenhall eine SS-Gedenkfeier durchführen, ohne dass sich irgendeine Form des Protests zeigt. Auf der, vom NPD Kreisverband Traunstein – Berchtesgadener Land organisierten, Veranstaltung waren im letzten Jahr neben lokalen Neonazis und führenden Funktionär_innen der ober- und niederbayerischen NPD, auch die für den geplanten Bombenanschlag auf die Grundsteinlegung des jüdischen Zentrums am Münchner Jakobsplatz als Rechtsterroristen verurteilten Martin Wiese und Karl-Heinz Statzberger anwesend6.

Mit Widerstand müssen Nazis in und um Bad Reichenhall nicht rechnen. Egal ob sie Kundgebungen veranstalten, unter Eselsmasken Flugblätter verteilen, sich bei Nazifeiern besaufen oder sich jeden zweiten Sonntag im Monat im lokalen Gasthaus zu einem NPD-Stammtisch treffen. Ein nach einem Neonazi-Liederabend am Grenzübergang Walserberg angebrachtes, 8 Meter langes, Nazi-Transparent konnte tagelang hängen, ohne dass es entfernt worden wäre. Und wenn lokale Neonazis vor einer „Bad Reichenhall Hate Society“ Flagge den Hitler-Gruß zeigen und T-Shirts mit der Aufschrift „University Auschwitz – gegründet 1941 – Genetik, Ethnologie, Endlösung“ tragen, bleibt das offensichtlich auch folgenlos7.

Wie sicher sich Nazis in Bad Reichenhall fühlen, zeigt sich u.a. auch daran, dass sie unsere Demonstration im vergangenen Jahr wiederholt mit Hitlergrüßen kommentierten. Diese rechte Hegemonie darf nicht unkommentiert bleiben, zeigen wir den Nazis, dass es für sie kein ruhiges Hinterland gibt. Die offen auftretenden Neonazis sind jedoch nur die Spitze des Eisberges, denn in Bad Reichenhall wurde, unter anderem mit einer rechten Gedenkpolitik, ein gesellschaftliches Klima etabliert, in dem sich Rechte sämtlicher Coleur sichtlich wohlfühlen.

Bad Reichenhall hat offensichtlich nichts dazugelernt und deshalb werden wir auch am Samstag, den 19.Mai 2012 wieder in der Kurstadt demonstrieren und die unerträglichen Bad Reichenhaller Zustände thematisieren. Wir rufen zur Teilnahme an der Demonstration sowie zu eigenständigen kreativen Aktionen auf.

Bad Reichenhall muss endlich entnazifiziert und entmilitarisiert werden !

Kein ruhiges Hinterland für Nazis!

Deutsche Traditionspflege angreifen – SS und Gebirgsjägergedenken unmöglich machen !

War starts here – let’s stop it here! Den militaristischen deutschen Normalzustand sabotieren !

Hoch die Partisan_innen!

Sofortige Entschädigung aller Opfer des Nationalsozialismus!

Sa, 19.05.2012 | antifaschistische Demonstration 14:30 Uhr | Bad Reichenhall | Hauptbahnhof

Weitere Informationen, Zugtreffpunkt für die Anreise usw: badreichenhall.tk

Rabatz- Autonome Vernetzung Oberbayern/Salzburg/Tirol: rabatz-buendnis.org

1Rudolf Konrad, war der erste Kommandeur des 1935 in Bad Reichenhall aufgestellten Gebirgsjäger-Regiments 100. Konrad bewies sich bereits im Vernichtungskrieg auf der Krim als antisemitischer Massenmörder. In diesem vom nationalsozialistischen Vernichtungswahn getriebenen Feldzug lies Konrad komplette Orte dem Erdboden gleichmachen. Konrad war außerdem bei der Gründung des Kameradenkreises der Gebirgstruppe, beteiligt. Dort erklärte er: „Wir hoffen, dass in der neuen Schale die gleichen Männer, die alten Soldaten stecken, die einst Kraft und Ruhm des deutschen Heeres und der Stolz des deutschen Volkes waren.“ 1966, praktisch zum 25. Jahrestag des Überfalls auf Kreta, wurde die Bundeswehr-Kaserne in Bad Reichenhall nach ihm benannt. Weitere Informationen:

Auch Name der Kaserne ist skandalös

2Am 20. Mai 1941 griff die deutsche Wehrmacht (u.a. „Gebirgsjäger“ aus Bad Reichenhall) die griechische Insel Kreta an, hielt sie bis zum 9. Mai 1945 besetzt und beging dort zahlreiche Kriegsverbrechen. Noch 1969 wurde zur Glorifizierung dieses Angriffskriegs die sogenannte „Kretabrücke“ eingeweiht und bis heute nicht umbenannt.

3Die Kriegsverbrechen der Bad Reichenhaller Gebirgsjäger sind u.a. in unserem Aufruf aus dem vergangenen Jahr dokumentiert.

4Johann Winkler und Gottfried Reischl waren Antifaschisten aus Bad Reichenhall. Sie stellten unter anderem mit einem Gummibuchstaben-Druckkasten kleine antifaschistische Agitationszettel her, und steckten diese in Bad Reichenhaller Gaststätten in die Mäntel von Soldaten. Als Winkler und Reischl an Ostern 1936 versuchten in die Tschechoslowakei zu fliehen, wurden sie verhaftet und nach München gebracht, wo Reischl ermordet wurde. Winkler starb 1942 im Konzentrationslager Ravensbrück. Weitere Informationen:

Brückenumbenennung gefordert

5In der gleichnamigen Stadt in Serbien waren ab April 1943 die Truppen der 1. Gebirgs-Division der Wehrmacht, die dort zur „Partisanenbekämpfung“ eingesetzt wurden, stationiert.

6Vgl. Rabatz Pressemitteilung „Erneut SS-Gedenken in Bad Reichenhall“

7Vgl. Rabatz Pressemitteilung „Nazikonzert im Berchtesgadener Land – Bad Reichenhaller Rechtsrockkonzert in Italien – SS-Gedenken in Bad Reichenhall“ (http://badreichenhall.tk/2011/04/nazikonzert-im-berchtesgadener-land-bad-reichenhaller- aufrechtsrockkonzert-in-italien-ss-gedenken-in-bad-reichenhall/#more-244). Unseres Wissens wurde unsere Pressemitteilung in der Lokalpresse nicht veröffentlicht, ob es Ermittlungen der Polizei gegen die beiden Nazis Ronald Schneider oder Wolfgang Buchstätter gab, entzieht sich unserer Kenntnis.

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