Kreta-Gedenken

Bad Reichenhall scheint eine besondere Beziehung zu Kreta zu haben: Es gibt eine Kreta-Brücke und ein Kreta-Denkmal – in Sichtweite der Kaserne – und just dort auch ein jährliches Kreta-Gedenken, in dessen Rahmen sich alljährlich Mitte Mai Soldat_innen der Bundeswehr vereint mit der örtlichen Politprominenz versammeln, um eine Gedenkveranstaltung anlässlich des deutschen Überfalls auf die griechische Insel Kreta 1941 abzuhalten. Solche Veranstaltungen stehen im Licht des Geschichtsrevisionismus und der Relativierung bzw. Nicht-Beachtung der begangenen Verbrechen vor dem Hintergrund der mehr oder minder offenen Traditionspflege der Bundeswehr zur Wehrmacht als ihrer Vorgängerorganisation. In solchen Gedenken herrschen Erzählungen vor, in denen die Deutschen in ersten Linie als Opfer und nicht als Täter_innen und Verantwortliche für ihre Greueltaten erscheinen.

So erinnerte der Vorsitzende der lokalen Kameradschaft des Kameradenkreises der Gebirgstruppe¹, Manfred Held, beim „Kreta-Gedenken“ 2013 vor allem an die gefallenen deutschen Soldaten* auf Kreta und die mehr als 200 Bürger_innen der Stadt Reichenhall, die am 25. April 1945 bei einem alliierten Luftangriff starben. Desweiteren war es ihm ein Anliegen, in einem Aufwasch auch an die im Einsatz gefallenen Soldaten_innen der Bundeswehr in Afghanistan und andernorts zu erinnern. So erscheint es vor diesem Hintergrund schon fast als enormer Fortschritt, dass 2012 zum ersten Mal einer Vertreterin des griechischen Konsulats aus München ein Redebeitrag eingeräumt wurde und somit der Mord an hunderten Griech_innen wenigstens nicht mehr komplett geleugnet wurde. Doch Reichenhall wäre nicht Reichenhall, wäre dieses Zugeständnis nicht im Sinne des pauschalisierenden Gedenkens „an alle Opfer“ erfolgt. In diesem Gestus des gleichsamen Einbeziehens Aller wird die Aggression der nationalsozialistischen Truppen derart verharmlost, als dass sie mit ihren Opfern auf die selbe Stufe gestellt werden. Doch selbst dieses Mindestmaß an Veränderung im offiziellen Gedenken findet wohl kaum aus Einsicht statt. Vielmehr sollte es Anlass dazu sein, auch die veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen, unter deren Einfluss die deutsche Außenpolitik und ihre Armee stehen, in die Kritik miteinzubeziehen.


¹ Der Kameradenkreis der Gebirgstruppe wird von Kritiker_innen bisweilen auch als „Selbsthilfegruppe von Kriegsverbrechern“ bezeichnet. Diese Bezeichnung spielt dabei auf die Gründungsgeneration des Traditionsverbandes an, unter denen sich tatsächlich viele – vor allem in Italien, Scheungraber aber auch in Deutschland – verurteilte Kriegsverbrecher befanden. Bei diesen gilt als gesichert, dass sie sich auch absprachen zur Vermeidung juristischer Verfolgung. Es traten und treten in die Gliederungen des Kameradenkreises auch Bundeswehrsoldaten ohne persönliche Wehrmachtsvergangenheit ein. Dem Kameradenkreis muss dabei aber in jedem Falle vorgeworfen werden, dass er für eine Erinnerungskultur mit Wehrmachtsbezug bei der Bundeswehr eintritt, die zurecht auch als NS-Verherrlichung bezeichnet werden kann. Symptomatisch dazu ist die Aussage Manfred Helds im Sommer 2011 gegenüber der Süddeutschen Zeitung, wonach er nicht von Kriegsverbrechen reden wolle, wenn er der Gebirgsjäger gedenke.