SS-Gedenken

„Die haben ja nicht für eine abzulehnende Ideologie gekämpft.“ So charakterisiert Karl Welser, Gründer der Volkshochschule Bad Reichenhall und ehemaliger Stadtrat die Französischen Freiwilligen in der Waffen-SS, die im Mai 1945 im Ortsteil Karlstein von den amerikanischen Befreiern erschossen wurden. Und hämisch ergänzt er, dass es sein mag, dass sich „Rote“ daran stören könnten, dass das in Reichenhall aber niemand interessiere, man sei hier ja „konservativ bis auf die Knochen“.
Und zwar so konservativ, dass die Knochen der SS-Leute nach einer Umbettung im Jahr 1949 auch ihren Platz am heimischen Friedhof St. Zeno finden konnten und so posthum in die Reichenhaller Dorfgemeinschaft integriert wurden. In Bad Reichenhall dreht sich die NS-Verherrlichung längst nicht nur um die Wehrmacht. Hier wird gleich der SS gehuldigt. Zur Erinnerung:

Die Waffen-SS wurde vom internationalen Militärgerichtshof als verbrecherische Organisation eingestuft wegen ihrer besonders aktiven Rolle im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg. In ihren Reihen haben sich überdurchschnittlich viele überzeugte Nationalsozialist_innen verdingt. Die 33. Waffen-Grenadier-Division der SS „Charlemagne“, um die es in Reichenhall geht, war vor allem in der „Partisan_innenbekämpfung“ im Vernichtungskrieg im Osten eingesetzt – wohinter sich in der Regel das besonders brutale Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung verbirgt. Später verteidigten die verbliebenen Teile dieser Division die Stadt Berlin selbst dann noch, als sich die Wehrmacht und mit ihr die meisten „volksdeutschen“ Nazis zurückgezogen hatten, bis zur dortigen Kapitulation am 2.Mai 1945.

Über die Jahre etablierte sich in Reichenhall ein ungestörtes Treffen von Faschist_innen und Alt- Nazis aus ganz Europa, darunter beispielsweise eine „Ehrengarde Benito Mussolini“.
Als die Polizei erstmals Teilnehmer_innen im Jahr 2006 kontrolliert, findet sie Sprengmittel sowie funktionsfähige Schusswaffen und hindert einen PKW am Weiterfahren mit einer Kanonenlafette.
Danach wandelte sich die Gedenkveranstaltung zu einer Art „Geheimtipp“ für die bundesdeutsche Naziszene, die rund um den 8. Mai sonst überall mit Widerstand rechnen muss. In Reichenhall ist das Gegenteil der Fall: Oben genannter Welser stiftet stellvertretend für das Reichenhaller Bürger_innentum sogar noch eine zweite Gedenkplatte am Friedhof St. Zeno. Erst 2007 wird das Denkmal am Kugelbachparkplatz entfernt und der zugrunde liegende Pachtvertrag von Seiten der bayerischen Staatsforste aufgekündigt. Es wird allerdings nicht zweckdienlich am Wertstoffhof recycelt, sondern – wie sollte es in Reichenhall anders sein – auf den Friedhof St.Zeno verbracht. Und auch nach unseren zwei Demonstrationen und einer örtlich diskutierten Plakataktion des Rabatz-Bündnisses mit der entsprechenden Aufforderung hat sich 2013 und auch in den Folgejahren kein_e Reichenhaller_in gefunden, der_die etwas gegen das SS-Gedenken unternommen hätte. Und dabei hätten sie sogar zeitweise zweimal die Chance gehabt, weil NPD-nahe Kreise und das Freie Netz Süd an zwei unterschiedlichen Tagen getrennt voneinander ein Gedenken abhielten.